Kommentar

boss 03-2017

…wüssten wir mit ziemlicher Sicherheit, was wir gestern falsch gemacht haben. Ein verlockender Gedanke, oder? Im Prinzip schon, denn nur aus den Fehlern der Vergangenheit kann man lernen und für die Zukunft bessere Entscheidungen ableiten. Dennoch bliebe die Frage bestehen, ob die vermeintlich besseren auch die richtigen Entscheidungen wären. Eine Frage, die man eben gerade nicht abschließend beantworten kann. Und deshalb lautet eine Abwandlung der eingangs zitierten Lebensweisheit auch: Wenn heute schon morgen ist, dann ist heute bereits gestern. Journalistisch betrachtet bedeutet dies nicht weniger, als dass man Vergangenes nicht mehr ändern kann – höchstens versuchen, Zukünftiges anders oder besser zu machen. Keine neue Erkenntnis, aber in unserer sich schnell drehenden Welt bedeutsamer denn je. Die Dimension des Wandels betrifft alle Mitspieler im Markt, im stationären Handel ebenso wie auf der Ebene der Lieferanten. Doch lassen Sie uns kurz die heutige Zeit und die PBSBranche verlassen und ein wenig fantasieren. Was könnte uns die Zukunft, sagen wir mal in 20 Jahren, bringen? Zeit genug, um aus den Kindern der Migranten von heute vielleicht zehn Millionen erwachsene Deutsche zu machen, die 2037 zusammen mit ihren Eltern eine Produktivkraft entfaltet haben, die Deutschland zur führenden Wirtschaftsmacht Europas gemacht hat. Viele europäische Länder mussten zwischenzeitlich erkennen, dass man bei den Migrationswellen die Grenzen nicht hätte schließen sollen. Das Modell des alten Europas gilt als gescheitert. Länder wie England, Polen, Frankreich, Ungarn, die Niederlande sind wieder Nationalstaaten geworden, wodurch sich rechte Gruppierungen gestärkt fühlen. Die Großstädte Europas sind leiser geworden. Auf den Straßen rollen geräuschlos tausende von E-Autos, zumeist aus asiatischer Produktion. Und dennoch, der Klimawandel konnte nicht gestoppt werden – auch wenn US-Präsident Donald Trump nur eine Fußnote der Geschichte blieb. Sommerfestivals erleben eine wahre Renaissance, der Klimawandel hat uns zwei zusätzliche warme Monate beschert und deutsche Weinbaugebiete 6 Ι boss März 2017 produzieren inzwischen vergleichbare Weine wie Italien oder Spanien. Geschichtswissen ist nach 90 Friedensjahren in Europa dramatisch am Schwinden. Hitler, die Weltkriege und der Holocaust sind nur noch wenigen ein Begriff. Katastrophen und Terrorangriffe in aller Welt gehören aber leider immer noch zum täglichen News-Programm, doch spezielle Handy-Apps warnen rechtzeitig davor. Auf dem Münchner Oktoberfest herrscht für Menschen aller Hautfarben Dirndlzwang. Es schneit noch wie früher, nur der Schnee bleibt nicht mehr liegen. Und Weihnachten ist immer noch ein deutsches Fest mit Tannenbaum, Familienzwisten und Rekordumsätzen – womit wir wieder zurück im Handel, auch dem PBS-Handel, wären. In den Büros wird auch in 20 Jahren noch auf Papier geschrieben und gedruckt, das Home Office ist für alle Unternehmen zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Standardprodukte des Bürobedarfs werden online bestellt und binnen weniger Stunden per Drohne an den Schreibtisch geliefert. Wer allerdings etwas Besonderes sucht, der wird auch weiterhin in ein Ladengeschäft gehen, die Innenstädte sind nicht verödet, wie vorhergesagt, sondern wurden dank guten Stadtmarketings zu angesagten Treffpunkten für alle Generationen. Viele Shoppingcenter der Jahrtausendwende stehen dagegen leer und verfallen – oder sind zu Kartbahnen umgestaltet. Ob es so kommen wird? Ich weiß es nicht, ich habe keine Glaskugel und keine prophetischen Gaben. Ich bin mir aber sicher, dass einiges davon zutreffen, anderes die vorstehenden Gedanken übertreffen und nur weniges unzutreffend sein wird. Aber viel wichtiger als einzelne Entwicklungen ist doch der Punkt – und da bin ich mir sicher – dass Handel nach wie vor nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig eine Perspektive hat. Denn heute ist doch bei genauerer Betrachtung bereits das Morgen, über das wir uns gestern noch Sorgen gemacht haben – und es ist immer noch vieles gut. Siegfried Elsaß Wenn heute schon morgen wäre „Die Dimension des Wandels betrifft alle Mitspieler im Markt, im stationären Handel ebenso wie auf der Ebene der Lieferanten.“ „Viel wichtiger als einzelne Entwicklungen ist der Punkt, dass Handel nach wie vor nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig eine Perspektive hat.“


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