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Digital Imaging 1-2018 | 41 Markt. Die Phase sehr niedriger Preise, wie wir sie bis vor einem Jahr noch hatten, ist endgültig vorbei. DI Kommen wir nochmal auf die starken Preisanstiege beim Zellstoff zurück: Würden Sie darin den Hauptgrund und Treiber für die massiven Preiserhöhungen bei Office-Papieren im letzten Jahr sehen? HERBERT GEIS Ich bin schon fast 25 Jahre in der Branche tätig, kann mich aber nur an zwei kurze Phasen erinnern, in denen Kurzfaser-Zellstoff fast genauso teuer wie Langfaser war – und dies ist zurzeit der Fall. Wir hatten in den letzten Monaten einen Preisanstieg von mehr als 40 % bei Kurzfasern im US-Dollar – Kopierpapiere werden zu einem überwiegenden Anteil aus Kurzfasern hergestellt. Diese enormen Preissteigerungen haben die Hersteller nicht eins zu eins weitergegeben, insofern gibt es da immer noch einen gewissen Nachholbedarf. So kommt es auch nicht überraschend, dass Anfang Januar bereits die vierte Preiserhöhung in Folge durchgesetzt wurde. Betroffen sind alle Qualitäten, und die Preisanstiege fallen in der Breite sogar noch deutlicher aus als im Oktober. DI Verkäufer-Märkte sind gut für die Auslastung der teuren Produktionsmaschinen sowie die Erträge der Industrie. Laufen die europäischen Papierfabriken dementsprechend gerade unter Vollauslastung? HERBERT GEIS In der Tat laufen die europäischen Fabriken für ungestrichene Papiere (Kleinformate/Formate/ Rolle) mit einer Auslastung von deutlich über 90 % seit Monaten am Limit. Die Hersteller können sich gerade vor Aufträgen kaum retten. Über die vereinbarten Kontingente hinaus noch zusätzliche Ware zu bekommen, ist aussichtslos: Da wird man beinahe ausgelacht… DI Es gab in den letzten Jahren eine massive Reduzierung von Kapazitäten in den westeuropäischen Fabriken – sowohl bei UWF-Papieren (uncoated woodfree, holzfrei ungestrichen) als auch im gestrichenen Segment. Wie hoch würden Sie diese taxieren? HERBERT GEIS Wir haben in Westeuropa seit 2014 einen Kapazitätsabbau von ca. 800.000 Tonnen bei UWF-Papieren erlebt und bei gestrichenen sogar um ca. 1 Mio. Tonnen. Die größten Kapazitätsanpassungen bei UWF-Qualitäten waren in den Jahren 2015 und 2016, seitdem ist nicht mehr viel passiert. DI Trotz der hohen Auslastung und Kapazitätsanpassungen der letzten Jahre rechnen manche Analysten aufgrund des anhaltend hohen Kostendrucks mit weiteren Schließungen europäischer Papiermaschinen für UWF-Qualitäten in den nächsten zwei Jahren. Teilen Sie diese Einschätzung, Herr Geis? HERBERT GEIS Ich sehe keinen weiteren Abbau von Kapazitäten, es sei denn, die Preise würden wieder deutlich nachgeben, was zu neuen Überlegungen führen könnte. Die Hersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht, und der europäische Markt für UWF-Papiere ist in Balance. Aktuell ist soweit alles im Lot. Das sieht man unter anderem auch daran, dass man sich bei Stora Enso nach dem Crash der Papiermaschine im finnischen Werk Veitsiluoto im August sofort entschieden hat, diese Kapazität – immerhin über ca. 200.000 Tonnen pro Jahr – wieder in Betrieb zu nehmen. Das werte ich als klares Signal an den Markt, dass der Abbau von Kapazitäten zurzeit kein Thema ist. DI Apropos Crash bei Stora Enso. Wie bewerten Sie den technischen Zustand der europäischen Fabriken für UWF -Papiere insgesamt? War der überraschende Ausfall der PM 2 in Veitsiluoto im August ein bedauerlicher Einzelfall, oder könnte ähnliches Ungemach jederzeit auch andere Hersteller treffen…? HERBERT GEIS Ich weiß von allen europäischen Herstellern, dass sie ihre Maschinen regelmäßig abschalten und warten – selbst wenn diese unter Volllast laufen. Deshalb gehe ich davon aus, dass der Crash in Veitsiluoto wirklich ein Einzelfall war. Bei Stora Enso hatte man übrigens für September – nur einen Monat nach diesem Zwischenfall – die routinemäßige Abschaltung und Wartung von zwei anderen Papiermaschinen geplant. Diese hat man planmäßig durchgezogen – trotz des Ausfalls in Veitsiluoto. Regelmäßige Wartungs- und Stillstandszeiten scheint die europäische Papierindustrie verinnerlicht zu haben.  Der Papierhandel wird sehr stark von globalen Parametern wie den Zellstoffpreisen oder Währungskursen beeinflusst. (© Fotolia/ Sergey Nivens) „Preiserhöhungen im Drei-Monats- Rhythmus binden intern erhebliche Vertriebsressourcen. Die Argumentation ist schwierig und zeitaufwändig. Da kommt man kaum noch zum Verkaufen.“


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